AV-views: Das Magazin für audiovisuelle Kommunikation und Präsentation


AV-views.de Extra Weitblick und Durchblick

Extra 2006/4

Weitblick und Durchblick


Aus welcher Entfernung man eine Präsentation oder einen Film betrachtet, ist keineswegs unerheblich. Zu nah zu sitzen bedeutet, keinen Überblick zu haben und bei zu großer Distanz können Details nicht mehr wahrgenommen werden. Wir erklären hier, welche Bildgrößen und Entfernungen für welche Situation optimal sind.

Erst letztlich wurde in unserem Online-Forum wieder die Frage gestellt: Wie groß sollte eine Projektion optimalerweise sein, wenn die Zuschauer 2-3 Meter vor der Bildwand sitzen? Die Ratschläge, die daraufhin gegeben wurden, reichten von "so groß wie möglich, wenn Du verdunkeln kannst" bis hin zu "Nicht breiter als 2,5 m". Sind also die Bildgröße und die Betrachtungsentfernung eine reine Geschmacksfrage? Sicherlich nicht, aber es spielen viele Faktoren eine Rolle und es gibt wesentliche Unterschiede z.B. zwischen der Präsentation einer Excel-Tabelle mit den aktuellen Firmendaten und dem Vorführen eines Kinofilms, um einmal die beiden Extreme zu nennen.

Präsentationen

In vielen Bereichen des Berufsalltags gehört die unterstützende Projektion von Bildern, Texten und Zahlen zu einem Vortrag oder einer Konferenz dazu. Auch bei Schulungen und in Arbeitsgruppen ist der Einsatz eines Datenprojektors zur Selbstverständlichkeit geworden. Plant man einen für solche Zwecke vorgesehenen Raum, so stellt sich schnell die Frage nach der Bildwandgröße. Wesentliche Eckdaten liegen schon durch die Architektur des Raumes fest. So ist die Raumhöhe ein begrenzender Faktor. Die Oberkante der Projektion kann maximal direkt unter der Decke liegen. Davon abzuziehen sind noch ca. 5-25 cm für den nicht nutzbaren Bereich einer Bildwand (schwarzer Rand bei Rahmenbildwänden oder der Wickelkasten bei Rollbildwänden. Gewöhnlich macht es auch keinen Sinn, die Projektion bis zum Fußboden gehen zu lassen. Unterste Bildkante dürfte in Arbeitsräumen die Tischhöhe sein (ca. 70 cm). Sitzen Zuschauer in mehreren Stuhlreihen hintereinander, so sollte die Bildunterkante mindestens 1,80 m über dem Boden liegen. Geht man einmal von einem Konferenzraum mit einer Deckenhöhe von 3,00 m aus, so ergibt sich eine maximale Bildhöhe von 0,95 - 2,25 m. Die dazu gehörige Bildbreite beim für Präsentationen optimalen Seitenverhältnis von 4:3 liegt dann zwischen 1,25 m und 3,00 m. Nun stellt sich die Frage der Betrachtungsentfernung. Generell kann festgehalten werden, dass der Zuschauer die Bildwand komplett in seinem Blickfeld haben sollte. Die DIN 19045 sagt zum Thema "Sichtbedingungen", dass ein Erfassen des Bildes in einem Winkel von +-25° von der Mittelachse gewährleistet ist. Damit errechnet sich die kürzeste Betrachtungsentfernung für das kleine Bild (Bildunterkante: 1,80 m) zu 2,70 m, für das große (ab Tischhöhe, Bildbreite 2,85 m) zu mindestens 6,10 m! Als grobe Richtschnur kann gelten: Sitzentfernung gleich doppelte Bildbreite. Die oben erwähnet DIN nennt als absolutes Minimum die 1,5fache Bildbreite als kürzeste Betrachtungsdistanz. Nun werden nur selten alle Teilnehmer einer Veranstaltung die gleiche Betrachtungsdistanz haben. Wie weit sollte sich nun aber die am weitesten entfernt sitzende Person vor der Bildwand befinden? Einfache Antwort: Gerade so weit, dass sie noch alle Details der Darstellungen erkennen kann. Hier ist also wichtig, dass bei der Erstellung der Präsentation auf eine ausreichende Schriftgröße geachtet wird. Was ist aber ausreichend? Ausgangspunkt für die Beantwortung dieser Frage ist das Auflösungsvermögen des menschlichen Auges. Das wird angegeben als der Winkel, in dem zwei Linien voneinander unterschieden werden können. Viele Faktoren nehmen hierauf Einfluss. Dazu gehören das Kontrastverhältnis bei der Projektion, das im Wesentlichen vom Umgebungslicht abhängt, die Farbe von Hintergrund und zu erkennendem Zeichen, die Qualität des Projektors, insbesondere der optischen Komponenten aber auch Luftverschmutzungen durch Zigarettenrauch. Unter optimalen Bedingungen hat das menschliche Auge ein Auflösungsvermögen von einer Winkelminute. Es wurde ein Testzeichen entwickelt (ISO), das zur Beurteilung und Festlegung der minimalen Schriftgröße dient. Das Zeichen besteht in der hier dargestellten Ausrichtung aus 3,5 vertikalen Linienpaaren (4 schwarze Linien + 3 Zwischenräume). Als Sicherheitsfaktor für die Erkennbarkeit multipliziert man die Auflösung des Auges mit 2,4. So ergibt sich für das Erkennen eines solchen Zeichens ein Sehwinkel von (mindestens) 8,4 Winkelminuten. Die Maximale Betrachtungsdistanz ist natürlich von der Bildgröße abhängig. Die Norm sagt, dass der entfernteste Betrachter nicht weiter als die 6fache Bildbreite von der Projektion entfernt sitzen darf. Aus dieser Entfernung erfasst man die Bildbreite unter einem Winkel von ca. 10°. Somit liegt nun auch die minimale Zeichengröße in Bezug auf die Bildbreite fest. Zehn Grad sind 600 Winkelminuten für die Bildbreite, in der man maximal 600 / 8,4 =71 Testzeichen unterbringen darf. Mit dieser Auflösung ist man übrigens an der Grenze dessen, was ein XGA-Projektor physikalisch auflösen kann.

Für die Praxis:
Messen Sie die Breite Ihres Monitors und setzen Sie sich in der sechsfachen Entfernung davor. Können Sie nun noch alles erkennen, ist auch die Projektion unter optimalen Bedingungen für alle erkennbar.

 



Filmbetrachtung

Ganz anders, als bei der Präsentation, sind die Bedingungen beim Betrachten eines HDTV-Films. Hier soll das Bild auch durch seine Größe die Zuschauer in seinen Bann ziehen. Dazu darf nur der mittlere Teil der Projektion im Horizontalen Erfassungswinkel von +-25° liegen. Die Randbereiche sollen den Zuschauer subtil beeinflussen und ihn sogar zum Bewegen des Kopfes animieren. Die Produzenten von HDTV-Material gehen davon aus, dass die Betrachter sich in einer Entfernung der dreifachen Bildhöhe befinden. Die zuständige Richtlinie der "International Telecommunication Union" (ITU) nennt als Bezugsgröße die Bildhöhe, nicht etwa, wie man fälschlicherweise häufig liest, die Bildbreite oder Bilddiagonale. Nehmen wir als Beispiele eine Projektion von 1,30 x 2,30 m, so liegt die optimale Betrachtungsdistanz bei 3,90m.

Betrachtungsentfernung bei HDTV:
Bildhöhe x 3
Umrechnungsfaktor von Bilddiagonale in Zoll auf Bildhöhe in Zentimeter:
Bilddiagonale (Zoll) * 1,243 = Bildhöhe (Zentimeter)

 



Die Regel für die Betrachtungsentfernung gilt natürlich nicht nur für Projektionen sondern auch für Bildschirme. Hat man sich etwa ein 42'' Plasmadisplay zugelegt, so beträgt dessen Bildgröße 93 x 52 cm. Die optimale Sitzentfernung liegt dann bei 52 cm x 3 = 156 cm. Die Praxis zeigt, dass eine solch kurze Distanz nur selten eingehalten wird. Sie ist auch nicht vereinbar mit der optimalen Aufstellung einer geeigneten Anlage für den Surround-Sound. Die heutigen (bezahlbaren) Flachbildschirme sind also noch viel zu klein, als dass man mit ihnen optimales HDTV-Kino genießen könnte. Zum Abschluss noch ein paar Worte zum Thema "Seitenverhältnis 16:9". Spätestens mit der gerade durchgeführten Fußball-WM hat das flache Fernsehen mit diesem Seitenformat seinen Siegeszug angetreten. Fragt man Verkäufer in Fachgeschäften nach den Vorteilen dieses Formates, so hört man zumeist: Das menschliche Blickfeld ist deutlich breiter als hoch. Da ist 16:9 ideal. Diese Antwort ist nicht falsch, muss aber interpretiert werden. So können wir zwar weit rechts oder weit links durchaus noch etwas wahrnehmen, um es scharf zu sehen, müssen wir aber den Blick dort hin lenken. Der Bereich des scharfen Sehens ist nämlich klein und ergibt sich aus der Überlappung der beiden "gelben Flecke" unserer Augen (siehe Artikel "Bunte Augenblicke", S. XX in diesem Heft). Dafür passt 4:3 wesentlich besser. Das 16:9-Format macht also nur Sinn, wenn aus dramaturgischen Gründen gewünscht wird, dass etwas am Rande der Wahrnehmung passiert. Die kurze Betrachtungsentfernung ist beim Breitformat also ein "Muss".

Max Printzen


Übersicht
 
Mehr Klarheit durch
Farblichtleistung?
 
Technische Daten und was
dahinter steckt
 
Lumen: ANSI oder was?
 
Kontrast und Farbe
 
Die Projektorenklassen
 
Digitale Trapezentzerrung
 
Kenndaten Visualizer
 
Pinbelegungen der im
AV-Bereich üblichen
Stecker
 
Projektionsgeometrien
bestimmen
 
Weitblick und Durchblick
 

AV-views ist eine
Zeitschrift der